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Der Gau Stormarn



Wenn die Überlieferung zutrifft, daß ein Reiter auf dem Weg von Eichede nach Hamburg im 11. Jahrhundert kein Leben mehr antraf, könnte ein Weg von Hamburg über Eichede und Barnitz nach Lübeck geführt haben...?

10./11. Jh. 12. Jh. 13./14. Jh. 16. Jh.


Grenzlage

Der heute Barnitz genannte Bach entspringt auf der Feldmark Eichede, fließt durch das Dorf Stubben und ist dann etwa 2 km weit die Scheide des Stubbener und Groß Bodener Feldes gegen Stormarn. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist ein Kobek genannter Bach als Oberlauf der alten Bernize anzusehen; er entspringt bei Mühlenbrook, bildet die Ostgrenze der Gemarkung Stubben und mündet bei Brennerkathen in die heutige Barnitz. Auf diese Weise würden Schürensöhlen, Groß Boden und Stubben außerhalb der Grenzen bleiben, müßten also zu Stormarn gehört haben.
Tatsächlich sind Schürensöhlen und Groß Boden Katensiedlungen des frühen 17. Jahrhunderts auf dem Felde der untrgegangenen stormarischen, zum Bistum Lübeck gehörigen Dörfer Schönborn und Riekenhagen, die vor 13991 in den Besitz lauenburgischer Adeliger gekommen waren und von diesen 1408 an Herzog Erich IV. von Lauenburg verkauft wurden; wohl schon damals, jedenfalls aber zwischen 1420 und 1439 lagen sie wüst. Die Schönborner Kapelle unterstand noch 1472 dem Lübecker Bischoff [10]

Slawische Bezirke


Die spätmittelalterlichen Landesgliederung in Form der Vogteien und der frühneuzeitlichen Ämter sind zwar meist Neuschöpfungen, basieren aber auf slawischen Burgbezirken und Kastellaneien. Deshalb scheint eine Rückschreibung der Grenzen bis in die Spätslawische Zeit ohne Probleme möglich. Die so ermitteltten Grenzen sind wiederum eine Reduzierung der seit dem Mittelalter vorhandenen natürlichen Grenzzonen zwischen Kleinstämmen und Siedlungskammern. Trotz aller Veränderungen läßt sich eine klare Linie von den frühen Siedlungs- und Herrschaftsräumen der slawischen Einwanderungszeit bis hin zum frühneuzeitlichen Territorialstaat erkennen. [9]

Die Travefurt bei Klein Barnitz

Schonenborne im vermuteten Wegenetz

Die Bedeutung der Klein-Barnitzer Furt im frühgeschichtlichen Wegesystem hat dankenswerterweise Herr Reinold Beranek aus Siek zusammengestellt:

1. Etwa 1000 Meter nordwestlich von Kl. Barnitz mündet die früher sicherlich wasserreiche Heilsau in die Trave. Bekanntlich ergeben sich nach dem Zusammenfließen zweier Wasserläufe oft günstige Plätze für eine Furt. Dieses kann auch hier angenommen werden.
2. Oberhalb und beim Ort Kl. Barnitz ist im westlichen Uferbereich eine breite Überschwemmungszone erkennbar. Noch deutlich sichtbar ist der ehemalige Uferrand, der von der jetzt ausgebaggerten Wasserrinne etwa 100 Meter entfernt ist. In diesem Bereich konnte sich das Wasser gut ausbreiten; die Wassertiefe war entsprechend gering und hier war eine Überquerung mit Fuhrwerken usw. gut möglich.

3. Östlich von Kl. Barnitz überquert heute ein Fußweg die Trave mittels einer Brücke. Am gegenüberliegenden Hang hat sich eine kräftige Erosionsrinne gebildet, in deren Sohle heute noch bei Regenperioden Wasser abfließt. Der Fußweg geht nahe daran relativ steil bergan. Dagegen ist am anderen Rinnenrand ein breiter, leicht ausschweifender und mäßig ansteigender Weg vorhanden. Heute ist hier Weideland; doch gelegentliches Befahren mit motorisierten landwirtschaftlichen Fahrzeugen ist möglich und entsprechende Fahrspuren sind sichtbar. Hier konnten also auch früher Fuhrwerke zur anschließenden Hochebene gelangen.

4. Von der beschriebenen Fundstelle 200 Meter flußabwärts befinden sich die Reste der vermutlichen Burganlage Hartenburg (H. Hingst, 1959: Vorgeschichte Stormarn, Gem. Lokfeld, Fundstelle 6). Sie wurde durch Sandabbau zerstört; doch sind noch einige Wallreste vorhanden. Eine zweite Befestigung lag 400 Meter nördlich der Hartenburg. Sie trägt die Bezeichnung Schanze, wie auch das umliegende Flurstück (H. Hingst, wie oben, Fundstelle 1). Auch diese als flache Wallanlage beschriebene Befestigung wurde wohl zu Anfang dieses Jahrhunderts geschleift. Von den beiden Wehranlagen auf hochgelegenen Geländepunkten konnte der Traveübergang eingesehen und der ostwärts weiterführende Weg militärisch kontrolliert werden.

5. Im Bereich der Schanzenkoppel und der Hartenburg sind bei der Traveregulierung 1950 mehrfach mittelalterliche Waffen gefunden worden: 2 Schwerter, eine Lanzenspitze, ein Messer mit Kupfereinlage und ein mittelalterliches Gefäß. Bei Baggerarbeiten gleichfalls 1950 etwa 1,5 Kilometer unterhalb der Autobahnbrücke wurden gefunden: 2 eiserne Lanzenspitzen, ein Eisenmesser, sowie zahlreiche Tierknochen. Frühgeschichtliche Keramik und spätslawische Gurtfurchenware fanden sich westlich der Trave etwas unterhalb der Autobahnbrücke, wie auch weitere spätslawische Tongefäßscherben im Bereich der heutigen Autobahntrasse (H. Hingst, wie oben, S. 179, 300). Der Versuch die Waffenfunde noch näher zu datieren, steht noch aus. Funde von den beiden Befestigungen Hartenburg und Schanze liegen bisher noch nicht vor.

6. Beim slawischen Festungsbau kennt man als Befestigungstyp die Brama, einen mit Schanze und Tor befestigten Platz. Die Brama wurde errichtet an wichtigen Wegestellen, insbesondere an Flußübergängen, und diente als Sperre bzw. befestigter Durchlass an den Grenzen territorialer Einheiten. Diese konnten von lokaler oder auch überregionaler Bedeutung sein. Meistens befand sich in der Nähe der befestigten Wegesperre zusätzlich noch eine Burg. In Altmecklenburg konnte man an 34 Stellen eine Brama identifizieren, wobei alle, bis auf eine an einem Gebirgspaß, an Flußübergängen lagen.

Zur Lokalisierung von Sperranlagen dieser Art ist eine Untersuchung der Orts- und Flurnamen nützlich, die oft einen ersten Hinweis liefert. Gegebenenfalls können auch schriftliche Quellen, sowie topographische und archäologische Merkmale den Befund erhärten. So konnten bei der erwähnten Untersuchung in Altmecklenburg die heutigen Namen aus dem slawischen Wort Brama abgeleitet werden. Es steht für "Schanze, Tor". Diese Bedeutungen, wie auch "Schutz, Wehr", sind ebenfalls in dem verwandten Brana enthalten. Durch Beifügung von - ica als Suffix kann daraus Branica gebildet werden. Dieses bezeichnet dann noch präziser einen "Ort mit einer Schanze" usw. Mit der im Slawischen vorkommenden Drehung von Vokal und Konsonant, z.B. Grad - Gard für die Bezeichnung einer Burg, ist die Wandlung von Branica in Barnica durchaus im Bereich der üblichen Sprachentwicklung. Barnica war also der Name des slawischen Dorfes, das an der durch zwei Befestigungen geschützten Travefurt lag. Es war auch namensgebend bei der deutschen Gründung von Groß Barnitz. Wie bei den sogenannten Doppeldörfern aus der Kolonisationszeit üblich, erhielt auch hier die ursprüngliche slawische Siedlung im Namen den Zusatz "Klein", wurde also Klein Barnitz genannt. Die deutsche Neusiedlung Groß Barnitz entstand 1,5 Kilometer weiter flußabwärts. Beide Dörfer behielten ihre Ortslagen und Namen bis heute bei.
Bisherige Ableitungen des Orts- und auch des Flußnamens Barnitz aus dem slawischen "Bara" = Sumpf. Dies ist bei Kl. Barnitz, das auf einer sandigen Hochfläche liegt, unbefriedigend.

7. Aus den historischen Quellen ist bekannt, daß der Travefluß die Grenze zwischen den beiden obodritischen Teilstämmen, den Wagriern im Norden und den Polaben im Süden, war. Da die Stämme nicht immer friedlich miteinander verkehrten, könnte die befestigte Furt bei Kl. Barnitz schon hierbei eine militärische Aufgabe erfüllt haben. Ab dem Jahre 809/810 existierte der "limes Saxoniae" als Grenze zwischen den sächsisch/fränkischen und den slawischen Gebieten. Sie lag 14 km südwestlich von der beschriebenen Travefurt beim Ort Barkhorst. Auch der westliche Rand der slawischen Ortsnamengrenze kann hier lokalisiert werden. Ferner ist bekannt, daß in spätslawischer Zeit der Limes öfter, und zwar von beiden Seiten, beim Siedlungsgeschehen überschritten wurde. Vorwiegend dürfte die Befestigung der Travefurt also eine Sicherungsmaßnahme gegen die sächsisch/fränkischen Kräfte an einer wohl gut frequentierten Handelsstraße Hamburg-Lübeck gewesen sein.